Bildung für nachhaltige Entwicklung – inklusive Überwältigungsgefahr? Schulische Thematisierung und Begleitung der Fridays-for-Future-Proteste von Schüler*innen mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf im Spannungsfeld des Beutelsbacher Konsenses
H. Kalläne, H. Kullmann, in: 2026.
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Kalläne, Hannah;
Kullmann, HarryLibreCat 
Abstract
Die Fridays-for-Future-Bewegung (FFF) hat gezeigt, dass Schüler*innen zu zentralen politischen Akteur*innen werden können. Insbesondere in der Anfangsphase der sogenannten Klimastreiks wurde die Bewegung stark von Jugendlichen getragen; weibliche Teilnehmende sowie solche mit (angestrebtem) Abitur dominierten die Proteste (Sommer et al., 2020). Eine ähnliche Verbindung zwischen Bildungsstand und politischem Interesse spiegelt die Shell-Studie von 2019 wider, in der deutlich mehr Jugendliche mit (angestrebtem) Abitur angaben, sich politisch zu interessieren, als solche auf anderen Bildungswegen (Schneekloth & Albert, 2019). Über den Zusammenhang von Schule und politischer Partizipation im Kontext von FFF ist wenig bekannt; insbesondere fehlen Studien mit Fokus auf die Schulform oder den sonderpädagogischen Förderstatus der Teilnehmenden. Diesem Forschungsdesiderat widmet sich der vorliegende Beitrag, in dem die Bedeutung der Schule für die Förderung politischer Partizipation im Kontext von FFF unter besonderem Augenmerk auf die Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF) beleuchtet wird.
Entsprechende Erkenntnisse sind u.a. vor dem Hintergrund von Interesse, dass das Einbeziehen aller Schüler*innen in Prozesse politischer Partizipation – im Einklang mit inklusionsbezogenen Qualitätstableaus wie dem Index für Inklusion (Booth & Ainscow, 2011) – eine zentrale schulpädagogische Forderung darstellt (z.B. Felder, 2024; Schramme, 2024). Bildungstheoretisch lässt sich dies u.a. durch Klafkis Konzept der Allgemeinbildung fundieren, das Selbstbestimmungs-, Mitbestimmungs- und Solidaritätsfähigkeit als Kernelemente einer Bildung für alle umfasst und epochaltypische Schlüsselprobleme wie die „Umweltfrage“ (Klafki, 2007, S. 58) ins Zentrum einer kritisch-reflexiven Bearbeitung rückt. Die UN-Nachhaltigkeitsziele unterstreichen die Bedeutung von Bildung für die Bearbeitung globaler Krisen in einer vielfältigen Gesellschaft (UNESCO, 2020). FFF stellt in diesem Kontext einen besonderen Untersuchungsgegenstand dar, da die Bewegung einerseits als außerschulischer Lernort fungieren kann (Hörsch et al., 2023), als „Schulstreik“ andererseits aber auch in direkter Beziehung zur Institution Schule steht.
Schule spielt laut einer Befragung von FFF-Teilnehmenden neben Freund*innen und sozialen Netzwerken eine zentrale Rolle in der Mobilisierung für die Demonstrationsteilnahme (Koos, 2019). Als Prädiktor für die Protestteilnahme dominieren gesellschaftliche Motive, wobei FFF als Möglichkeit wahrgenommen wird, sich aktiv für gesellschaftliche Veränderungsprozesse einzusetzen und Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse zu nehmen (Costa & Wittmann, 2021). Befragungen explizit unter Schüler*innen ergaben zudem, dass die Teilnahmemotivation oft durch eigene Werte und Normen, Peers sowie die Identifikation mit anderen Protestierenden begründet wird (Wallis & Loy, 2021). Offen bleibt, ob die schulische Bearbeitung von Themen wie dem Klimaaktivismus dazu führen kann, dass deren politische Schärfe verloren geht, oder ob (und wie) die politischen Interessen von Kindern und Jugendlichen durch die unterrichtlichen Informationen und Debatten gestärkt werden können (Budde, 2021).
Im Rahmen des Projekts FFFinklusiv wurde in Bezug auf mehrere schulische Faktoren untersucht, inwiefern diese jeweils die Motivation von Schüler*innen mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf zur Teilnahme an FFF beeinflussen. 637 Jugendliche aus acht Förderschulen und vier Gesamtschulen nahmen 2020 an einer Befragung teil. Per explorativer und konfirmatorischer Faktorenanalyse wurde die Skala „Protestmotivation“ entwickelt und in einer Mehrebenenanalyse unter Einbezug der Klassenebene untersucht.
Die Auswertung zeigt drei signifikante Einflussfaktoren: Das Geschlecht, wobei Mädchen eine höhere Motivation aufweisen (b = 0.77, t(530) = 6.50, p < .001), die Thematisierung von FFF im Unterricht (b = 0.45, t(530) = 3.51, p < .001) sowie den gemeinsamen Protestbesuch mit der Klasse (b = 0.53, t(530) = 2.02, p = .044). Schulform und SPF haben keinen signifikanten Effekt. In einer Teilstichprobe mit Protest-Teilnehmenden (n = 71) zeigen sich keine Unterschiede für Gesamtschüler*innen mit und ohne SPF. Eine signifikant höhere Motivation ergibt sich für Förderschüler*innen im Vergleich zu Gesamtschüler*innen mit SPF (b = 1.84, t(20) = 2.07, p = .051).
Die Ergebnisse betonen die Bedeutung von Schule für die politische Partizipation aller Schüler*innen. Sie zeigen auf, dass die Motivation zur Teilnahme an themenbezogenen Demonstrationen durch die Berücksichtigung im Unterricht gefördert werden kann, weitestgehend unabhängig von Schulform und Förderstatus.
Keywords: Fridays for Future, politische Partizipation, sonderpädagogischer Förderbedarf, Protestmotivation, Klimaaktivismus
Literatur:
Booth, T., & Ainscow, M. (2011). Index for inclusion: Developing learning and participation in schools. CSIE.
Budde, J. (2021). Die Fridays-for-Future-Bewegung als Herausforderung für die Schule. Ein schulkritischer Essay. Die Deutsche Schule, 112(2), 216–228.
Costa, J., & Wittmann, E. (2021). Fridays for Future als Lern- und Erfahrungsraum: Befunde zu den Beteiligungsformaten, den Motiven und der Selbstwirksamkeitserwartung von Engagierten. ZEP – Zeitschrift für internationale Bildungsforschung und Entwicklungspädagogik, 2021(3), 10–15.
Felder, F. (2024). Inklusion, demokratische Partizipation und die Aufgaben der Bildung. In I. Bosse, K. Müller, & D. Nussbaumer (Hrsg.), Internationale und demokratische Perspektiven auf Inklusion und Chancengerechtigkeit (S. 17–29). Julius Klinkhardt.
Hörsch, C., Scharenberg, K., Waltner, E.-M., & Rieß, W. (2023). Wie gelingt Bildung für eine nachhaltige Entwicklung in der Schule? Eine empirische Studie zur Entwicklung von Nachhaltigkeitskompetenzen und zur Rolle der Lehrkraft. Die Deutsche Schule, 115(2), 105–116.
Klafki, W. (2007). Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik: Zeitgemäße Allgemeinbildung und kritisch-konstruktive Didaktik (6., neu ausgestattete Aufl). Beltz.
Koos, S. (2019). Klima-Aktivismus von jungen Menschen. Ergebnisse einer Befragung unter den Teilnehmenden am „Fridays for Future“-Schulstreik in Konstanz, 15. März 2019. Universität Konstanz.
Schneekloth, U., & Albert, M. (2019). Jugend und Politik: Demokratieverständnis und politisches Interesse im Spannungsfeld von Vielfalt, Toleranz und Populismus. In M. Albert, K. Hurrelmann, & G. Quenzel (Hrsg.), 18. Shell Jugendstudie. Jugend 2019 (S. 47–101). Beltz.
Schramme, S. (2024). „Nothing about us—Without us“. Wie Erfahrungen mit Inklusion Partizipation und politischen Aktivismus fördern. Wissen Schafft Demokratie, 15, 168–179.
Sommer, M., Haunss, S., Gardner, B. G., Neuber, M., & Rucht, D. (2020). Wer demonstriert da? Ergebnisse von Befragungen bei Großprotesten von Fridays for Future in Deutschland im März und November 2019. In S. Haunss & M. Sommer (Hrsg.), Fridays for Future—Die Jugend gegen den Klimawandel—Konturen der weltweiten Protestbewegung (S. 15–66). transcript.
UNESCO. (2020). Education for sustainable development: A roadmap. UNESCO.
Wallis, H., & Loy, L. S. (2021). What drives pro-environmental activism of young people? A survey study on the Fridays For Future movement. Journal of Environmental Psychology, 74, 101581.
Publishing Year
Conference
Tagung der sektionsübergreifenden AG „Nachhaltigkeit, Nicht-Nachhaltigkeit und planetare Zukünfte“ der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft
Conference Location
Pädagogische Hochschule Freiburg/Br.
Conference Date
2026-09-07 – 2026-09-07
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Kalläne H, Kullmann H. Bildung für nachhaltige Entwicklung – inklusive Überwältigungsgefahr? Schulische Thematisierung und Begleitung der Fridays-for-Future-Proteste von Schüler*innen mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf im Spannungsfeld des Beutelsbacher Konsenses. In: ; 2026.
Kalläne, H., & Kullmann, H. (2026). Bildung für nachhaltige Entwicklung – inklusive Überwältigungsgefahr? Schulische Thematisierung und Begleitung der Fridays-for-Future-Proteste von Schüler*innen mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf im Spannungsfeld des Beutelsbacher Konsenses. Tagung der sektionsübergreifenden AG „Nachhaltigkeit, Nicht-Nachhaltigkeit und planetare Zukünfte“ der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, Pädagogische Hochschule Freiburg/Br.
@inproceedings{Kalläne_Kullmann_2026, title={Bildung für nachhaltige Entwicklung – inklusive Überwältigungsgefahr? Schulische Thematisierung und Begleitung der Fridays-for-Future-Proteste von Schüler*innen mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf im Spannungsfeld des Beutelsbacher Konsenses}, author={Kalläne, Hannah and Kullmann, Harry}, year={2026} }
Kalläne, Hannah, and Harry Kullmann. “Bildung Für Nachhaltige Entwicklung – Inklusive Überwältigungsgefahr? Schulische Thematisierung Und Begleitung Der Fridays-for-Future-Proteste von Schüler*innen Mit Und Ohne Sonderpädagogischen Förderbedarf Im Spannungsfeld Des Beutelsbacher Konsenses,” 2026.
H. Kalläne and H. Kullmann, “Bildung für nachhaltige Entwicklung – inklusive Überwältigungsgefahr? Schulische Thematisierung und Begleitung der Fridays-for-Future-Proteste von Schüler*innen mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf im Spannungsfeld des Beutelsbacher Konsenses,” presented at the Tagung der sektionsübergreifenden AG „Nachhaltigkeit, Nicht-Nachhaltigkeit und planetare Zukünfte“ der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, Pädagogische Hochschule Freiburg/Br., 2026.
Kalläne, Hannah, and Harry Kullmann. Bildung Für Nachhaltige Entwicklung – Inklusive Überwältigungsgefahr? Schulische Thematisierung Und Begleitung Der Fridays-for-Future-Proteste von Schüler*innen Mit Und Ohne Sonderpädagogischen Förderbedarf Im Spannungsfeld Des Beutelsbacher Konsenses. 2026.